Wenn Weihnachtslichter weh tun - Vorweihnachtszeit mit Bindungstrauma
- Nathalie Hessler

- 23. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Die Vorweihnachtszeit gilt für viele als Inbegriff von Wärme, Familie und Geborgenheit. Überall leuchten Lichter, die Straßen sind geschmückt, und die Erwartungen an „schöne Tage“ scheinen lauter zu sein als alles andere. Doch für eine große Zahl von Menschen fühlt sich genau diese Zeit ganz anders an.

Nicht warm.
Nicht geborgen.
Sondern eng, schwer, schmerzhaft.
Menschen, die mit Bindungstraumata aufgewachsen sind, kennen dieses Gefühl gut. Denn dort, wo andere an Nähe denken, erinnert sich ihr Körper oft an etwas ganz anderes: an Einsamkeit, Überforderung, Kälte oder an ein Zuhause, in dem man sich anpassen musste, statt gesehen zu werden.
Warum Weihnachten bei Trauma triggert
Bindungstraumata entstehen dann, wenn frühe Beziehungen nicht verlässlich, nicht sicher oder nicht liebevoll waren. Wenn Nähe nicht gleichbedeutend war mit Schutz, sondern mit Unsicherheit.
In der Vorweihnachtszeit werden alte Verletzungen oft besonders fühlbar:
weil überall Bilder „perfekter Familien“ auf uns einwirken,
weil Nähe und Harmonie erwartet werden,
weil Erinnerungen an früher aufbrechen können,
weil das Gefühl „anders zu sein“ plötzlich viel deutlicher wird,
und weil man vielleicht keine Familie hat, zu der man gerne zurückkehrt.
Während viele Menschen diese Zeit genießen, sitzen andere abends allein da und hoffen einfach nur, dass die Wochen schnell vorbeigehen.
Für alle, die sich in dieser Zeit einsam fühlen
Wenn du dich in dieser Beschreibung ein Stück weit wiederfindest, möchte ich dir etwas sagen:
Du bist nicht falsch.
Du bist nicht unnormal.
Du bist nicht allein.
Es ist absolut verständlich, wenn die Weihnachtszeit bei dir etwas auslöst, das schwer auszuhalten ist. Deine Reaktionen sind keine „Empfindlichkeit“, sondern eine verständliche Schutzreaktion deines Nervensystems.
Vielleicht fühlst du dich unruhig, gereizt oder melancholisch. Vielleicht möchtest du dich zurückziehen, oder es tut weh, andere in ihrem Familienglück zu sehen.
All das ist okay.
Du musst dich nicht zwingen, etwas zu fühlen, das andere von dir erwarten.
Du machst nichts „falsch“ – du reagierst auf ein Leben, das nicht immer leicht zu tragen war.
Ein liebevoller Blick von außen
Manchmal hilft es, wenn auch Menschen ohne eigene traumatische Erfahrungen verstehen, was in anderen vorgeht.
Nicht jeder, der Weihnachten meidet, ist „grummelig“.
Nicht jeder, der still wird, ist „unsozial“.
Manche Menschen schützen sich einfach – vor alten Gefühlen, die in dieser Zeit lauter werden.
Vielleicht können wir alle in diesen Wochen ein wenig achtsamer sein:
weniger Erwartungen, mehr Verständnis
weniger „Du musst“, mehr „Wie fühlst du dich?“
weniger Perfektion, mehr echte Begegnung
Es braucht nicht viel. Manchmal reicht ein Blick, der sagt: „Ich sehe dich.“
Ein leiser Hoffnungsschimmer
Auch wenn diese Tage für dich herausfordernd sind, darfst du wissen:
Es ist möglich, sich ein eigenes Zuhause zu erschaffen – innerlich und äußerlich.
Eines, das nicht an Biografie gebunden ist, sondern an eine Haltung dir selbst gegenüber.
Vielleicht fühlt sich die Weihnachtszeit irgendwann anders an. Vielleicht auch nicht. Beides ist in Ordnung.
Bis dahin darfst du dir erlauben, deinen eigenen Weg durch diese Wochen zu finden.
In deinem Tempo. Mit deinen Grenzen. Und mit dem Wissen, dass dein Wert nicht an Traditionen oder Erwartungen gebunden ist.
Du darfst so sein, wie du bist.
Gerade jetzt.



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