Trauma nach sexueller Gewalt – verstehen, einordnen, neue Wege finden
- Nathalie Hessler

- 18. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Sexuelle Gewalt ist ein Eingriff in die tiefste persönliche Integrität eines Menschen.
Sie verletzt nicht nur den Körper, sondern auch das Vertrauen in andere – und oft auch in sich selbst.
Die Folgen können das ganze Leben prägen, besonders wenn die Erlebnisse in der Kindheit stattfanden und erst im Erwachsenenalter wieder hochkommen.
Viele Betroffene fragen sich: „War das, was mir passiert ist, wirklich sexuelle Gewalt?“
Diese Unsicherheit ist häufig – und Teil des Traumas selbst.
Was gehört zu sexueller Gewalt?
Sexuelle Gewalt umfasst weit mehr als körperliche Übergriffe.
Dazu gehören alle Handlungen, die eine Person gegen ihren Willen, ohne Einverständnis oder unter Ausnutzung von Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen erlebt.
Dazu zählen zum Beispiel:
Körperliche Übergriffe: erzwungene Berührungen, Missbrauch, Vergewaltigung
Sexualisierte Sprache oder Gesten, die verletzend oder demütigend wirken
Zwang zur Darstellung oder Beobachtung sexueller Handlungen
Grenzverletzungen in der Kindheit: etwa, wenn Erwachsene Kinder sexualisieren, unangemessen berühren oder ihnen Schuldgefühle vermitteln
Übergriffe durch Autoritätspersonen (Familie, Lehrer, Trainer, religiöse Führer) – hier ist das Machtgefälle besonders traumatisierend
Wichtig: Auch scheinbar „kleine“ oder „unklare“ Erlebnisse können traumatisierend sein – besonders in der Kindheit, wo ein Kind keine Möglichkeit hat, sich zu wehren oder einzuordnen, was geschieht.
Warum kommt das Trauma oft erst später hoch?
Das Gehirn schützt uns in akuten Situationen.
Viele Kinder spalten ihre Gefühle ab, vergessen Details oder verdrängen das Erlebte – um irgendwie weiterleben zu können.
Im Erwachsenenalter kann das Trauma dann wieder auftauchen:
durch Trigger (Gerüche, Berührungen, bestimmte Situationen)
in intimen Beziehungen
bei der Geburt eines Kindes
oder in Phasen, in denen mehr innere Ruhe entsteht
Plötzlich sind Gefühle von Angst, Scham, Ekel oder Ohnmacht da – ohne dass der Zusammenhang sofort klar ist.
Typische Folgen von sexueller Gewalt
Scham und Schuldgefühle („Ich hätte mich wehren müssen“)
Einsamkeit und das Gefühl, anders zu sein
Probleme mit Nähe und Sexualität
Flashbacks oder Albträume
Übererregung oder Erstarrung (ständige Wachsamkeit, innere Leere)
Selbstwertprobleme und das Gefühl, „falsch“ zu sein
Körperliche Beschwerden wie Schmerzen, Verspannungen oder Magen-Darm-Probleme
All das sind traumatypische Reaktionen – keine Schwächen.
Wie kann ich zurück in mein Leben finden?
Der Weg nach sexueller Gewalt ist individuell – und er braucht Zeit, Sicherheit und Unterstützung.
Das Geschehene lässt sich nicht rückgängig machen. Doch es ist möglich, einen neuen Umgang damit zu entwickeln, sodass der Schmerz nicht mehr das ganze Leben bestimmt.
Hilfreiche Schritte können sein:
Verstehen, was passiert ist
Entlastung beginnt oft mit dem Gedanken: „Es lag nicht an mir. Ich war nicht schuld.“
Das Nervensystem regulieren lernen
Methoden wie Achtsamkeit, Atemübungen oder EMDR können helfen, den Körper zu beruhigen und innere Sicherheit zurückzugewinnen.
Traumasensible Therapie
In einem sicheren, wertschätzenden Raum kannst du Stück für Stück über deine Erfahrungen sprechen – ohne Druck, in deinem Tempo.
Traumasensible Begleitung bedeutet: deine Grenzen werden respektiert, du behältst die Kontrolle.
Neue Beziehungserfahrungen machen
Heilung geschieht in Beziehung. Ein sicherer therapeutischer Rahmen oder tragende Beziehungen im Alltag können Schritt für Schritt Vertrauen zurückbringen.
Selbstmitgefühl entwickeln
Viele Betroffene sind hart zu sich selbst. Der Weg zurück ins Leben bedeutet auch: sich erlauben, freundlich und geduldig mit sich zu sein.
Warum Therapie sinnvoll sein kann
Sie gibt dir einen geschützten Raum, um Worte für das Unaussprechliche zu finden.
Sie unterstützt dich dabei, Trigger und Körperreaktionen zu verstehen.
Sie hilft, Scham in Selbstachtung zu verwandeln.
Sie stärkt dich darin, wieder Beziehungen auf Augenhöhe zu gestalten.
Therapie kann das Geschehene nicht ungeschehen machen – aber sie kann dir helfen, dass es nicht mehr dein ganzes Leben bestimmt.
Fazit
Sexuelle Gewalt ist immer eine Grenzverletzung – egal, in welcher Form sie stattgefunden hat. Sie kann tiefe Traumafolgen hinterlassen, die oft erst Jahre später sichtbar werden.
Doch es gibt Wege, das Erlebte einzuordnen, neue Sicherheit zu entwickeln und schrittweise zurück ins eigene Leben zu finden.
In meiner Praxis arbeite ich traumasensibel mit Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben – einfühlsam, ohne Druck, in ihrem Tempo.
Du bist nicht schuld. Aber du darfst heute für dich sorgen.



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